NZZ 18.02.2026
Kaum ein Arzt in der Schweiz hat sein Fachgebiet so geprägt wie Guido A. Zäch, der Gründer der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.
Andri Rostetter (art)
«Mein Name ist Zäch – ich bin es auch!»: Guido A. Zäch (1935–2026).
Gaëtan Bally / Keystone
In den 1970er Jahren verfügte das Paraplegikerzentrum in Basel noch nicht über einen voll ausgerüsteten Helikopterlandeplatz. Bei nächtlichen Notfällen musste improvisiert werden. Überliefert ist, dass Mitarbeitende ihre Autos so parkieren sollten, dass die Scheinwerfer eine freie Fläche vor dem Zentrum ausleuchteten, damit Helikopter auch bei Dunkelheit landen konnten.
Guido A. Zäch ist zu dieser Zeit Chefarzt in Basel, von 1973 bis 1989 leitet er das Paraplegikerzentrum. Noch in den 1960er Jahren, als Zäch Assistenzarzt war, standen Menschen im Rollstuhl am Rand der Gesellschaft. Es gab nur wenige medizinisch-therapeutische Angebote, die Todesraten waren hoch, die Ignoranz gegenüber den Betroffenen weit verbreitet. Zäch will das ändern.
Guido Alfons Zäch wird 1935 als siebtes von neun Kindern im sankt-gallischen Häggenschwil geboren. Er wächst auf einem Bauernhof auf, die Erziehung ist streng katholisch. Als Arzt fällt er durch seinen protestantischen Arbeitseifer auf. «Genug ist zu wenig. Wer alles gibt, kann noch mehr», lautet ein Satz, der ihm zugeschrieben wird.
Zäch arbeitet zwischen 80 und 90 Stunden pro Woche, verzichtet auf Ferien. «Eine ganzheitliche Betreuung von Querschnittgelähmten kann man nur in einer 168-Stunden-Woche machen. Der Patient leidet diese 168 Stunden und keine halbe Stunde weniger», soll er seinen Mitarbeitern jeweils gesagt haben.
Niemand will die Klinik
1975 gründet Zäch mit eigenem Geld die Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS). Die Stiftung wächst rasch, schon nach zwei Jahren zählt sie hunderttausend Gönner. Das Paraplegikerzentrum in Basel kämpft in jener Zeit mit Platzmangel. Doch die Regierung will nichts von einem Ausbau wissen. «Ganz allgemein müssen wir in Basel Wert auf die vermehrte Wiederansiedlung so genannter normaler Familien legen», heisst es im Regierungsbeschluss von 1977. Der Zuzug von Pflegebedürftigen, Kranken und Invaliden sei «sicher nicht zu fördern».
Zäch sucht nach einem neuen Standort und wird in Risch im Kanton Zug fündig. Eine Stiftung stellt ihm Land zur Verfügung. An einem Informationsanlass wehren sich die Einwohner heftig und teilweise mit abschätzigen Voten gegen das geplante Zentrum – man will hier «keine solchen Leute». 1984 lehnt die Stimmbevölkerung die Umzonung ab, die für das Bauprojekt nötig gewesen wäre.
Doch Zäch steht nicht mit leeren Händen da. Der Streit in Risch
hatte andere Gemeinden auf seine Pläne aufmerksam gemacht.
Die Brauerei Eichhof verfügt in Nottwil im Kanton Luzern über ein Stück Land, das sie Zäch zu einem günstigen Preis überlassen will. Käufer und Verkäufer werden sich rasch einig, im Juli 1985 stimmt die Gemeindeversammlung dem Bauprojekt zu.
1990 kann Zäch das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) eröffnen. Die Kombination von Erstversorgung, Akutbehandlung und lebenslanger Nachbetreuung unter einem Dach ist weltweit einzigartig, das SPZ wird rasch zur international beachteten Institution.
Zäch zählt mittlerweile zur Schweizer Prominenz, man sieht ihn mit Spitzensportlern und Bundesräten, er tritt regelmässig in der Öffentlichkeit auf. 1999 wird er für die Aargauer CVP in den Nationalrat gewählt.
Zäch mit dem Schweizer Formel-1-Piloten Clay Regazzoni, der am 30. März 1980 in Long Beach (USA) verunglückte. Str / Keystone
Nach der Jahrtausendwende gerät Zäch unter Druck. Es geht um hohe Bezüge, Bonuszahlungen, Spesen und Pensionskassenregelungen. 2002 erhebt die Basler Staatsanwaltschaft Anklage wegen Veruntreuung. Er wird als Präsident seiner eigenen Stiftung abgesetzt, es kommt zu einem mehrjährigen Prozess. 2007 bestätigt das Bundesgericht den Schuldspruch des baselstädtischen Appellationsgerichts: 16 Monate Gefängnis bedingt.
Späte Rache
In seinem Buch «Dr. Guido Zäch – Wohltäter oder Täter?» stellte der Jurist Peter Zihlmann die These auf, dass das harte Urteil gegen Zäch eine Revanche für die gesellschaftlichen Erschütterungen war, die Zäch in seiner Zeit als Querdenker und Pionier der Paraplegie in Basel ausgelöst hatte. Zihlmann warf den Richtern vor, Zäch mithilfe aller möglichen juristischen Winkelzüge «moralisch zu erledigen».
Der Stiftungsrat der SPS stellt sich demonstrativ hinter ihren Präsidenten. Die Vorwürfe seien ungerechtfertigt, das Gremium weiterhin von der persönlichen Integrität Zächs überzeugt. Zäch zahlt der SPS eine knappe Million Franken zurück, anerkennt das Urteil aber zeitlebens nicht. Acht Jahre später wurde er Ehrenpräsident der Stiftung.
Zächs Verdienste sind heute unbestritten. Sein Name ist zum Synonym für die Rehabilitation von Querschnittgelähmten geworden, die SPS ist mit über zwei Millionen Gönnern eines der grössten und renommiertesten solidarischen Netzwerke der Schweiz. «Mein Name ist Zäch – ich bin es auch!»: So stellte er sich gern vor, wenn er als Redner auftrat. Für ihn galt der Satz bis zuletzt. Am 16. Februar ist Guido A. Zäch im Alter von 90 Jahren gestorben.
Guido A. Zäch am 11. Dezember 2001, am Tag, als der Skirennfahrer Silvano Beltrametti nach Nottwil überführt wurde.
Urs Flüeler / Keystone