Basellandschaftliche Zeitung, bz, Menschen, 12. Juli 2025
Was ich noch zu sagen hätte …
«Eigentlich wäre ich gerne Schauspieler geworden»
Bekannt wegen seiner Justizkritik setzte sich der Ex-Wirtschaftsanwalt Peter Zihlmann, 87, später für sozial benachteiligte Menschen ein.
« Meine Lebensreise begann während des Krieges. Vater arbeitete in der Armenpflege, die damals von wohlhabenden Baslern finanziert wurde. Er war innovativ und lebte ganz für seinen Beruf. So machte er einmal einen Vorschlag, wie man mit wenig Geld nahrhafte Mahlzeiten zubereiten könnte. Meine Mutter musste einige Zeit nach seinem Plan kochen, damit er sagen konnte: Wir haben es selbst getestet. Sie war empört und schimpfte. Ich stand auf der Seite meines Vaters, denn er lebte vor, was er predigte. Als Katholik war er in Basel ein Exot. Meine Mutter gehörte einer evangelischen Glaubensgemeinde an. Zwischen den beiden gab es grosse Spannungen in religiösen Fragen. Auch mich provozierte sie in ihrer temperamentvollen Art oft. Noch bis vor wenigen Jahren führte ich innere Dialoge mit ihr.
Obwohl ich eigentlich gerne Schauspieler geworden wäre, absolvierte ich nach der Realschule die Handelsmatur. Ein Lehrer, ein Jesuitenpater, motivierte mich in der Handelsschule dazu und überzeugte auch meine Eltern. Nach dem Jus-Studium doktorierte ich bei Frank Vischer und blühte in dieser Zeit richtig auf. Meine berufliche Laufbahn begann als Rechtskonsulent in einem Chemiekonzern, dann folgten ein Praktikum in New York und ein Sprachaufenthalt in Paris. Anschliessend fand ich eine Anstellung bei einer Handelsfirma. Diese verschiffte unter dem Label ‹affaires spéciales› Waren von Antwerpen vor die spanische Küste, wo Schnellboote das Schiff entluden. Das war damals ein Riesengeschäft – mit spannenden juristischen Fällen. Ich war etwa an einem Verfahren beteiligt, bei dem ein ganzes Schiff mit mehreren Millionen geschmuggelten Stangen Zigaretten beschlagnahmt wurde. Vor dem amerikanischen Gericht, wo der Fall behandelt wurde, erlebten wir heikle Situationen.
«Blicke ich
zurück, ergibt
alles Sinn.»
Mein Ziel war stets, irgendwann selbstständig arbeiten zu können. Damals gehörten die Advokatskanzleien einem geschlossenen Kreis an, in den man meist nur über Verwandtschaft oder Verschwägerung gelangte. Also gründeten wir zu viert eine Treuhandfirma, in der ich für das Rechtliche zuständig war. 1973 eröffnete ich meine eigene Kanzlei, arbeitete als selbstständiger Anwalt, Notar, nebenamtlicher Richter und während 20 Jahren als ausserordentlicher Mietgerichtspräsident.
Von 1986 bis 2003 verteidigte ich den Financier und Betrüger André Plumey in Strafprozessen, bei denen es um 200 Millionen Franken ging. Der Jurassier übte eine grosse Faszination auf die Medien aus. Ein Genfer Verlag sicherte sich die Rechte an seiner Biografie, und ich konnte das Buch schreiben. Etliche Medien berichteten über mich, und es kam zu einer Verwechslung: Die Fotoagentur Keystone setzte meinen Namen fälschlich unter das Foto des Betrügers. Ich habe wie ein Löwe für ihn gekämpft und geriet in Konflikt mit der Justiz, ging bis vor den Gerichtshof in Strassburg. Am Ende beantragte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft, in erster Instanz wurden sieben daraus. Das war ein klares Zeichen an meine Adresse: Man wollte mich demontieren.
In meinem Leben gab es viele Zufälle. Ich verstehe diese heute als etwas, was einem zufällt – wie Max Frisch es beschrieben hat. Immer wieder öffneten sich mir Sphären, die mich weiterführten. Rückblickend ergibt alles Sinn.
Ich habe immer viel und gern geschrieben. Schon als Kind führte ich Tagebuch. Später veröffentlichte ich Fachpublikationen, dann folgten Sachbücher über Recht und Gerechtigkeit. Unter Schmerzen und Tränen entstand mein letztes Buch, das ich meiner Frau Béatrice gewidmet habe. Mit ihr teilte ich 60 Jahre meines Lebens und gründete eine Familie mit zwei Kindern. Wir waren nur selten voneinander getrennt, selbst beruflich gingen wir gemeinsame Wege. Durch die Demenz entglitt sie mir immer mehr. Vor vier Wochen ist sie für immer eingeschlafen. Was bleibt mir nun?»
Aufgezeichnet von Stephanie Weiss

Bild: Christian Flierl